2013-12-30

Letztes Jahr schrieb ich an dieser Stelle, dass 2012 für mich das Jahr des Hip Hops war. Produzenten wie Shlohmo, Machinedrum oder Om Unit hätten die 80 BPM salonfähig gemacht und meine Sets auch dahingehend verändert.

Genau dieser Trend setzte sich auch in 2013 fort, die beiden letzteren haben dieses Jahr Alben in genau diesem Muster veröffentlicht, Shlohmo widmete sich eher Chopped & Screwed Kram um die 140 BPM.

Aber auch in anderen Genres hat sich dieses Jahr einiges getan, Bühne frei für meine Jahrescharts der Alben.



Phaeleh – Tides [Afterglow]

Phaeleh hat sich mit jedem Release immer mehr gesteigert, die Melodien wurden immer ausgefeilter, die Strukturen komplexer, die BPM Zahlen unterschiedlicher und er traute sich auch immer mehr an Vocals. So auch auf seinem zweiten Album „Tides“. Es gibt den gewohnt guten und ruhigen Trademark Sound mit verspielten Strings und Vocal Samples (Journey, So Far Away, Here Comes The Sun), etwas melancholischere Klänge (Storm, Night Lights) und autonomen Drum & Bass (Never Fade Away).

Phaeleh bedient mit den elf Tracks eine große Bandbreite ohne aber seinen eigenen Sound zu verlieren. Alles wird getragen von seinem Zauber, den er in seine Musik steckt. Und dann gab es da ja noch diesen einzigartigen Ludivico Einaudi Remix! Phaeleh in Hochform!



Desto – Emptier Streets [Rwina]

Desto brachte mit seinem Album „Emptier Streets“ den Südstaaten Hip Hop nach Finnland. Wo dann in Kalifornien die Sonne so manchem das Hirn weichbrutzelt, mischt Desto eher düstere und kalte Einflüsse mit in die Sounds. Zu Margarita oder Sizzurp mischt er dann Glühwein oder Wodka und lässt seinen ganz eigenen Sound auf uns niederprasseln. Die überfüllten Straßenzüge weichen dann eben „Emptier Streets“, durch die man trotzdem mit dem Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen wandert.

Seine Tracks wirken deshalb auch nicht so vollgepackt und überfordernd in die Fresse, wie es so mancher Trap Produzent in der letzten Zeit gerne hat. Die Beats haben Platz zum Atmen und entfalten, teilweise erinnern sie eher an einen Science Fiction Soundtrack (Drainpipe, Dust Pyramids) als an ein Gangster Drama (Emptier Streets, 550).

Ansonsten gibt es die üblichen Zutaten für guten Trap: die 808 wummert, die Hi Hats zischen und die Claps kommen messerscharf.



Author – Forward Forever [Black Box]

Das Debut Album von Author war mit seinen acht Tracks etwas kurz geraten. Nach dem Anhören wunderte man sich, dass es schon vorbei war und man wollte mehr von dem guten Zeug.

Anscheinend sahen Jack Sparrow und Ruckspin das ähnlich und knüpften mit „Forward Forever“ perfekt an ihren Erstling an. Es gibt orchestrale, organische Melodien, viel Piano und Trompeten, alles gepaart mit Dubstep und Downbeats.

Der für mich stärkste Track des Albums ist „Innovate“. Dieser schleppende Rhythmus von Dubstep gepaart mit diesen Trompeten, die das Ganze irgendwie doch nach vorne treiben… Dieses Quentchen Extra Energie fehlte so manch anderem Produzenten.

Schade nur, dass das Label irgendwie in die Insolvenz von Chemical Records mit reinrutschte, was zur Folge hatte das es 0 Promo für das Album gab und es „auf einmal“ auf den Markt geschmissen wurde.

Das war auch mitunter einer der Gründe, warum Jack Sparrow aufhört, Musik zu produzieren und sich anderen Dingen widmet. Schade, so wird es wohl kein drittes Author Album geben.

Moderat – II [Monkeytown]

Es wurde viel geschrieben über das zweite Album von der Fusion zwischen Apparat und Modeselektor. Einige englische Medien waren der Meinung hier nur abgekupferte Songs vorzufinden, die denen von Burial, Jamie XX oder Four Tet zu sehr ähneln würden.

Ich finde es ist ein wirklich, wirklich gutes Album geworden. Kaum eine Platte hat mich in diesem Jahr so emotional berührt wie „II“ von Moderat. Dieses traurig schöne Gefühl, welches von Songs wie „Let In The Light“ oder „Versions“ ausgeht und nur durch die Fusion von der Stimme von Sascha Ring und den Beats von den Modeselektoren ausgelöst werden kann, sucht doch ihresgleichen.

Klar, auch ich höre hier klar und deutlich die Einflüsse, welche das Trio beim Erschaffen des Albums hatte, aber von billigen Kopien ist das meilenweit entfernt.

Mooryc – Roofs [Freude Am Tanzen]

Mooryc macht warme, traurige und mitreissende Musik, die sich aber nie zu schade um Pop Referenzen oder Vocals ist.

Oftmals erinnerten mich die klickernden und schleppenden Beats (nur drei Tracks erreichen die Geschwindigkeit von 128 BPM) an die letzten Produktionen von Burial. Schade eigentlich, dass der hier wieder als Common Sense Referenz herhalten muss, aber sobald jemand mit einem House Hintergrund mal die üblichen 4/4 Pfade verlässt und klickernde Garage Beats einsetzt, kommt das wohl nicht von ungefähr.

Jeder der Mooryc’s Musik aber schon mal genossen hat, weiß aber auch, dass dies keineswegs wie eine Kopie klingt. Die Melodien sind einfach wieder ganz große Klasse, Vocals sind reichlich vorhanden aber ohne zu nerven.

„Open It“ ist ein schöner Opener, der die Stimmung der LP gut einfängt und einen schon in die richtige Laune versetzt um die nächsten Tracks in freudiger Erwartung zu genießen.

„Bless Me“ ist Nocow mit Gesang, „Turtle“ grandioser Dubtechno und der Beat von „Limbo 2“ hätte auch von Boards Of Canada stammen können. Dieses Album hat mich mit all seinen Facetten und Farben wunderbar durch den schönen Herbst getragen.

Forest Swords – Engravings [Tri Angle]

Die Musik von Forest Swords lässt sich schwer in Worte packen. Auch Genre Schubladen wirken hier fehl am Platze.

Seine Musik ist sehr organisch und fordert den Zuhörer zum genauen und aufmerksamen Hinhören auf. Am ehesten passt wohl der Begriff „Dub“, aber in einer modernen Form. Die Tracks klingen sehr naturbelassen und erinnern oftmals an einen Waldspaziergang, der einen am Ende in eine dunkle Höhle führt. Klassische Instrumente sind in Fragmenten immer wieder mal wieder zu hören, alles ist recht schleppend und düster. Da passt es ja wie die Faust auf’s Auge, das sich Lee „Scratch“ Perry gerade „Thor’s Stone“ für einen Remix ausgesucht hat.

Nosaj Thing – Home [Innovative Leisure]

Das schlechteste Album Cover dieses Jahr, aber dahinter versteckt sich mal wieder unantastbar gute Musik.
Nosaj Thing bleibt seinen Kopfnicker Beats aus LA weitesgehend treu, verbindet diese aber immer wieder mit Ambient und Dubstep Einflüssen. Auch gibt es diesmal zwei Vocal Features, die perfekt zu den jeweiligen Tracks passen. In Interviews hatte er immer wieder betont, dass „Home“ ein sehr persöbliches Album ist. Ich bin der Meinung man hört es der LP auch an. Die Vorab Sin­gle „Eclip­se / Blue“ zum Beispiel klingt nach rast­lo­ser Iden­ti­täts­su­che, nach und nach mischen sich dann aber auch mehr hoff­nungs­vol­le und fast schon ver­gnüg­te Tracks zu der Melancholie.

Jeder Track verdeutlicht, wie­viel Per­fek­ti­on und Liebe (zum De­tail) der Be­at­ma­ker aus LA hin­ein­ge­steckt hat, das Album wird nicht lang­wei­lig, wirkt eher wie aus einem Guss. Al­ler­dings ist es mit 36 Mi­nu­ten Spiel­zeit auch recht kurz ge­hal­ten.

Machinedrum – Vapor City [Ninja Tune]

Ich will nicht mehr viel darüber schreiben, entweder ihr liebt es oder ihr hasst es. Vom Artwork bis hin zu den Tracks, über die Live Performance bis hin zu den ganzen exklusiven Gratis Downloads zum Album… Das hier ist DAS Album 2013 für mich! Besser geht’s nicht.

Om Unit – Threads [Civil Music]

„Threads“ von Om Unit war für mich eines der prägendsten Alben dieses Jahr. Er hat das Prinzip des SlowFast perfekt ausproduziert und in diesem Album manifestiert. „Jaguar“ schrappt kurz an der Juke Grenze, der Rest des Album ist eher zurückhaltend und zieht lieber die Handbremse anstatt voll auf die 12 zu gehen. Gerade „Folding Shadows“ oder „The Silence“ sind wirklich gute Beispiele dafür. Mit „Governer’s Bay“ bringt Om Unit mal eben schnell noch frischen Wind in die Drum & Bass Szene und beweist, dass sein Album voller Überraschungen ist und kein Füllmaterial besitzt.

DJ Rashad – Double Cup [Hyperdub]

Rashad beweist mit „Double Cup“ wie „eu­ro­päi­sch“ Footwork klingen kann und wieviele Features auf einen Track oder ein Album passen. Wo Kol­le­gen wie Trax­man oder Spinn noch klar auf sim­ple, sture 808 Drums set­zen, die ein­fach auf die Drum­ma­chi­ne ge­la­den und dann stak­ka­to-‚Äčar­tig ab­ge­dad­delt wer­den, lässt Ras­had Raum für Neues. Acid Sam­ples oder Amen Breaks kom­men zum Ein­satz, die meis­ten Songs haben eine aus­ge­klü­gel­te­re Struk­tur mit klar er­kenn­ba­ren Drops und Auf­bau. Und doch bleibt er in vie­lem dem Foot­work Sound aus Chi­ca­go treu: Alles ist hek­tisch, prol­lig oder böse.

Er ist der Typ, der unglaublich viel Scheisse im Leben durchmachen musste, angeschossen wird, im Interview hundert Mal ein und dieselbe Frage beantworten muss und dich trotzdem dabei anlächelt.

Einzig und allein in seiner Musik ist diese Härte und Boshaftigkeit zu hören, wenn er auch nur vereinzelt. Und dann ist er trotz ausverkaufter Welttour und hunderten von Remix Anfragen trotzdem so bodenständig, einfach dankbar und will ein bisschen was von dem Ruhm an seine Teklife Member abgeben, anstatt den Fame allein für sich zu horten wie Gollum den Ring. Vielleicht sollten wir alle mehr „Medical Marijuana“ zu uns nehmen, wenn man sich Rashad’s instagram Feed so anseht, könnte das eine Lösung sein.

Lorde – Pure Heroine [Universal]

Mit sechzehn Jahren solche Songs schreiben ist schon Wahnsinn. Lorde aus Neuseeland landete bereits mit ihrer ersten Single „Tennis Courts“ einen Hit, „Royals“ wurde dann von Werbemäßig vollkommen ausgeschlachtet, trug aber so umso mehr zum Erfolg von ihr bei.

Trotz ihres Alters ist ihre Musik keine belanglose Teenie-Schnulze, sie setzt sich kritisch mit sich und ihrem Umfeld auseinander, mag Justin Bieber nicht und sagt er sei sehr weit von der „wirklichen“ Jugend entfernt und singt in „A World Alone“

Maybe the Internet raised us, or maybe Annotatepeople are jerks

Ich mag das.

Bibio – Silver Wilkinson [Warp]

Wenn Warp sich von den üblichen IDM- und Techno Gefilden verabschiedet und sich eher dem Folk oder Gitarren Sound nähert, entstehen oft sehr interessante und lebendige Alben, die abseits des Mainstreams tolle Musik abliefern. Für mein Sommer Mixtape suchte ich noch nach geeigneten Liedern, da sprang mir „À Tout à L‘heure“ in’s Auge Ohr. Warme und von Sonnenstrahlen durchzogene Klänge, gepaart mit hallenden Vocals und zupfender Gitarre. So könnten Mount Kimbie klingen, wenn sie einen Nummer 1 Hit landen wollten.

Auch der Rest des Albums geht in diese Richtung, jeder Track strotzt nur so vor Details und grandiosem Sounddesign. Ich glaube, „Silver Wilkinson“ war das Album welches ich 2013 am meisten weiterempfohlen habe, weil es eben bei Freunden der elektronischen Musik genauso gut funktioniert wie bei Jazz Nerds oder Rock ‚n‘ Rollern.

Ansonsten war es wieder ein fantastisches Jahr für Musik, Trap hatte seinen kurzen Hype der nun schon wieder vorbei ist, die Dubstepper besinnen sich auf ihre Wurzeln und es gibt wunderbare Musik auf 85 BPM. Ich wollte mich bei den Alben hier auf zwölf Titel beschränken, daher sind jetzt Mount Kimbie, Clark (das Remix Album zählt ja eh nur halb) und DjRum nicht dabei, hätten es aber auch verdient.

Und bei euch so?

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