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1/8 Van Bo Le-Mentzel, architect & karma economist, caught at Art Basel 2015, where he held a speech on karma economy
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2/8 Van Bo, captured outside Do It Yourself exhibition at Design Museum Zurich
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3/8 At Art Basel 2015
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4/8 At the communal library of Kalkbreite, Switzerland's most urban housing complex. Le-Mentzel wears a pair of his own, crowd-funded karma chakhs.
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5/8 Inspired by the communal spirit of the housing project, Van Bo donated a book on Max Bill to the library
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6/8 Find it in the arts section.
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7/8 The dedication says: "Dear neighbours, please keep faith in each other and don't give up in times of troubles. I firmly believe the community has the answers to many of our problems. Have fun with the book."
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8/8 A nice pair of karma chahks hanging out at Art Basel
Van Bo Le-Mentzel sitzt in der Gemeinschaftsbibliothek der Genossenschaftssiedlung Kalkbreite. Wir sind auf einer abendlichen Erkundungstour durch den neuen Zürcher Vorzeigebau. Er ist vom nachbarlichen Geist des Clusters und seiner Bewohner, die sich Küche, Terrassen und Arbeitsräume teilen, total begeistert. Spontan spendet er der Bibliothek ein Architektur-Buch, das er nach seinem Talk im Museum für Gestaltung Zürich gekauft hat.
Crowdwirtschaft ist die bessere Marktwirtschaft
Dort redete der 38-jährige Architekt und Karma-Ökonom über sein bekanntestes Produkt, die Bauhaus-inspirierte DIY-Möbellinie Hartz IV, mit der sich eine ganze Wohnung günstig und schön einrichten lässt. Die Baupläne kann man gratis von seiner Website herunterladen. Was seit fünf Jahren monatlich sechshundert Leute tun. Das international renommierte Design-Haus Vitra will seine Stühle in seine Sammlung aufnehmen. Er spricht davon, wie er 2012 ein Foto mit Chuck Taylor All Stars Turnschuhen auf seine Facebook-Seit stellt und schreibt “Welchen soll ich kaufen? Beide Schuhe sind original Converse. Links: 59 Dollar, Made in China. Rechts: 100 Dollar, Made in USA.” Das führt zum Non-Profit Projekt ‘Karma Chakhs’. Mittels Crowdfunding lässt Le-Mentzel 500 Paar fair produzierte und zu 100% biologisch abbaubare Sneaker produzieren und proklamiert “Hier geht‘s um den nächsten Schritt des Crowdfunding: Crowduction! Friss oder stirb war gestern, ab morgen bestimmt die Crowd, was und wie produziert wird.” Wer 69 Euro spendet, kriegt ein Paar Turnschuhe. Inzwischen rollt die dritte Lieferung an.
Work-Life Balance? Teuer und ineffizient
Le-Mentzel sagt Dinge wie: “Was ist der Sinn des täglichen Tuns? Mein einziger Masstab ist folgende Frage: Bringt es gutes Karma? Ich führe keine To Do Listen oder Email-Ordner. Meine einzige Regel lautet: Sofort handeln und mit den Konsequenzen leben. Damit verdopple ich meine Lebenszeit.”
Unser Streben nach Work-Life-Balance? Teuer und ineffizient. Der Mensch ist produktiver, wenn er sich auf das konzentriert, was ihn glücklich macht. Und wie sagt er das seinem Chef, der in Zahlen und Profit rechnet? Le-Mentzel kontert: Erprobt neue Geschäftsbeziehungen. Mach was du magst doch einfach selbst. Teile deine Idee mit der Crowd. Geld als Treiber für Innovation und Produktion hält er für überbewertet: “Der Mensch ist kein Homo Oeconomicus.” Teilen kam vor Kaufen.
Wer ist der Mann, der unser Wirtschaftssystem mit Karma, Crowd und Chuzpe ganz schön alt aussehen lässt?
Van Bo Le-Mentzel trägt: Jeans, ein weisses T-Shirt und natürlich ein Paar Karma Chakhs. Der jugendlich wirkende Professor besitzt gut definierte Oberarmmusken, einen eigenen YouTube Kanal und eine Vergangenheit als Rapper und Graffiti-Künstler. Die aktuellen Flüchtlingdebatten erinnern ihn schmerzhaft daran, dass er auf der Flucht aus Thailand in Laos geboren wurde und illegal nach Deutschland kam. Der einzige Akademiker in seiner Familie lebte bis vor acht Jahren in prekären Verhältnissen: “Leute wie ich bleiben auf der Strecke oder müssen richtig viel Geld verdienen. Ich kenne Kommilitonen, die sind 38 und älter, die es nicht geschafft haben oder ausgebrannt sind.”
Mit seiner Karma Ökonomie trifft Van Bo Le-Mentzel mitten ins Herz der jungen urbanen Elite: Die Kreativen, Selbständigen, Akademiker und Medienmenschen, die sich mit immer höheren beruflichen Ansprüchen und verschärftem Kampf um stets knapper werdende Ressourcen konfrontiert sehen. Es ist eine Generation, die zwischen Wohlstandswahrung und Angst vor sozialem Abstieg manchmal vergisst zu leben.
Man könnte trotzdem einwenden, dass Le-Mentzel mit seinem Job in einer angesehenen Berliner Agentur und als Gast-Professor an der Hamburger Hochschule der Bildenden Künste das Privileg hat, es sich leisten zu können, mit seinen Projekten kein Geld zu verdienen. Doch der hat den sicheren Boden bereits verlassen.
“Würdet ihr mir helfen, ein Jahr ohne Gegenleistung 1500 Euro im Monat zu erhalten?” Es funktioniert.
2014 startet der Karma-Denker ein Selbstexperiment namens “DSchool”. Le-Mentzel fragt die Crowd: “Würdet ihr mir helfen, ein Jahr ohne Gegenleistung 1500 Euro im Monat zu erhalten?” Es funktioniert. Er erhält 21’000 Euro von 200 Leuten. Für 2015 legt er ein Sabbatical ein: “Ich arbeite nicht mehr für Geld, sondern für Karma. Nun kommt richtig viel rein!” Der mit 2000 Euro dotierte Preis Mut zur Nachhaltigkeit des Zeit Wissen Verlag, zum Beispiel. Doch der unerwartet hohe Geldsegen setzt Le-Mentzel anfänglich unter Rechtfertigungsdruck. Ist er das Geld wert? Schliesslich begreift er, dass es ok ist, die Unterstützung un das Vertrauen einfach anzunehmen: “Menschen helfen gerne. Mit Zeit oder Geld. Auch ohne Gegenleistung. Man muss sie nur lassen.”
Bedingungsloses Crowdfunding für alle!
Nun arbeitet er an seinem bisher radikalsten Coup, dem bedingungslosen Crowdfunding für alle. Die Idee von “Hartz-5″ ist einfach: “Mit Hilfe unserer Software können Freunde sich zusammentun und ein Internetprofil anlegen für eine Person, die sie unterstützen wollen. Man kann diese Person mit einem Dauerauftrag beglücken. Zwischen 1 Euro und 5 Euro bzw 10 und 50 Franken pro Monat.” Ein H-5 Profil ist als Vertrauensbonus und Geste der Wertschätzung gedacht. Die Stifter erwarten keine Gegenleistung. Wie bei Wikipedia kann man für sich selbst kein Profil erstellen. Die Mindestlaufzeit beträgt ein Jahr. H-5 eignet sich besonders für Kreative mit Crowd: Künstler, Musiker, Selbstständige, Journalisten, Autoren. Startschuss ist der 6. Juli.
Van Bo Le-Mentzels Vision ist, dass man netten oder inspirierenden Menschen einfach per Mausklick H5 zahlt, so wie Trinkgeld im Restaurant: “Wenn das zu einer gelebten Kultur wird, werden sich vor allem Dienstleister anders verhalten. Sie werden nicht nur nett sein zu ihren Kunden, sondern auch zu Lieferanten, Nachbarn und fremden Menschen auf der Strasse.”
Das klingt sehr idealistisch. Andererseits: So begannen alle grossen Innovationen. Warum soll nicht die Gemeinschaft erproben, ob für die bedingungslose Geldbeglückung ein Markt besteht?
Letzte Frage: Was macht dich persönlich glücklich? “Mein Studium namens ‘Wunder’. Ich bin kürzlich ins vierte Semester gekommen. Mein Professor heisst Henri, ist 18 Monate alt und ist mein Sohn.”
(Dieser Text ist eine leicht aktualisiert Version meines Artikels in The Ecoist)