2016-05-29

Craft-Bier ist ein Werk des Teufels, dem im Nax getrotzt wird.

Bayern ist stolz auf eine lange Braugeschichte mit einer segenreichen Fessel: das Reinheitsgebot von 1516, Bewahrer von Einheit und Qualität. Niki und Max, zusammen Nax, pflegen in ihrer Bierbar, was in Ingolstadt begann. Wie ein gallisches Dorf richten sie sich gegen Beelzebubs Schöpfung: Craft-Bier. Ob Innsbruck deswegen das bessere Bayern ist?



Eigentlich ein besonderer Saft und die Antwort auf Waschwasser

Wird das Bier immer dünner und langweiliger, entwickelt sich eine Gegenbewegung – so einfach klingt es zunächst und begann in den USA: Millers und Budweisers (nicht das Tschechische) farblosem Einheitsgewäsch sei Dank, ohne dem es kein Craft-Bier gäbe. In Deutschland und Österreich dürfte folglich kein Craft-Bier existieren und wenn, dann nicht, weil unser Bier schlecht ist. Nun aber zum Begriff: „Craft-Bier ist handgefertigt, variiert geschmacklich stark von typischen Biersorten wie Lager (Märzen) oder Pils. Oftmals fällt selbst jede Flasche anders aus, manchmal ist es konsistent, kommt aber immer aus Lokalbrauereien mit kleineren Produktionsmengen“, erklärt Max, während er einen Schluck vom Tegernseer nimmt. Das Craft-Bier-Gesetz Amerikas jedoch, nach dem neben dem Lokalbezug die Menge von unter 10 Mio. Hektoliter bleiben muss, funktioniert bei uns nicht: Die Brauerei Zillertal und Starkenberger wären demnach Craft-Bier-Produzenten, obwohl sie feines Lager (Märzen) und Pils herstellen.



Das Craft-Bier-Lokal

Getrunken wird Craft-Bier an Orten mit Hipster-Note. Ihre Einrichtung ist stylisch, kann sich nicht zwischen Modern und Retro entscheiden, Holz und Gusseisen dominieren. Der Kellner serviert 0,1-Liter-Biere, trägt enge Hosen, Hosenträger, Holzfäller-Hemd und Vollbart. Gäste sind Urbane, überdurchschnittlich Gebildete, deren Klamotten zwar chic und teuer, jedoch nicht gleich als solche erkennbar sind. Die saftigen Bierpreise werden mit Kreide an Tafeln geschrieben oder stehen auf Flat-Screens. Mumford & Sons läuft abwechselnd mit José Gonzálés, solange sie trendy sind. Zu Essen gibt es Hot-Dogs, Cupcakes oder Fusionsküche – auch alles teuer, aber hochwertig. Das erste und einzige Craft-Bier Lokal in Innsbruck ist das Tribaun.

Anmerkung: Wer hier auf ein Bild wartet, der möge weiter warten. Gibt´s keines. Nix!

Reinheitsgebot und Craft-Bier als Marketing

Was einst in Ingolstadt ausgerufen wurde, war ein Erlass, in dem es noch nichts von Hopfen und Malz hieß. Der Begriff „Reinheitsgebot“ wurde erstmals 1918 in einem Sitzungsprotokoll des bayrischen Landtags erwähnt. Alle möglichen Zutaten eines Bieres stehen im Biersteuergesetz von 1993, auch reiner Zucker. Also doch nicht nur Hopfen und Malz? „Jedenfalls ließ das Reinheitsgebot keine allzu großen Variationen zu und damit kein Craft-Bier, dafür hat es gleichbleibende Qualität gesichert, die zur Marke wurde“, sagt Niki, die neben Max sitzt und an ihrem Wochinger-Bier zuzelt. Das Diktat der Reinheit brachte also konstantes Einheitsbier (Session-Bier) und ist auf den Flaschen sogar als Qualitätsmerkmal angeführt: „Gebraut nach dem Reinheitsgebot von 1516.“ Gast und Kellner haben es darum leichter: „Ein Bier bitte!“, genügt und serviert wird erwartungsgemäß zweifelsohne ein großes Bier. Max mahnt allerdings vor der Sessions-Bier-Dresche: „Es gibt nämlich auch bei diesen althergebrachte Vielfalt!“

Vielfalt und Freiheit statt beengender Einheit schafft Craft-Bier: Mehrerlei Hefesorten, Brauprozesse und Zutaten sind erlaubt wie Reis, Mais, Kaffee, Kakao und diverse Gewürze. Aromen wie Schokolade, Maracuja und Heu entweichen dem Glas. Alle Details über das Bier sind offengelegt und damit transparent. Sein Alkoholgehalt liegt gleich mal bei 7-9 Vol-% und darüber, die Farben sind rot, braun oder schwarz. „Manche sprechen von Revolution, andere von einem Namen für etwas bereits Dagewesenes“, meint Max. Kurioserweise sind es alte Rezepte, alle ausgegraben und verändert, aber außerhalb von Bayern und Österreich lange bekannt. Unsere Sorten nannten wir mal Alt, Dunkel, Hell, Zwickel, Bock, Pils, Hefe oder Spezial. Seit kurzem heißt es „Craft“.



A gmiadliche Bierbår

Süffigkeit oder hohe Trinkbarkeit stehen für unkomplizierte und leichtere Session-Biere, von denen eine Halbe nach der anderen geht, ohne die Geschmacksknospen zu überfordern. Zügig wird angesaugt wie beim Kick-down eines Achtzylinders bis der Tank leer ist und der Bauch voll – ganz voll. Auch nicht immer sinnvoll, aber nun mal gelegentlich der Fall. Andererseits: Nach ein, zwei, oder drei Sessions könnt ihr noch multi-tasken, seid also nicht vollkommen dicht. Ein paar Halbe sind nicht mehr als die Begleiterscheinung eines netten Abends, denn sie brauchen wenig Aufmerksamkeit oder passieren einem einfach.

„Hopfen- und Malzaromen dominieren, sind bei Session-Bieren eher ähnlich und traditionell festgelegt. Die Brauherren wissen, wie ihre Sorten zu schmecken haben, die Trinkenden können sich auf diese Kontinuität verlassen“, beschreibt Niki ihre Leidenschaft. Was immer schon so war und heute so ist, das sollte auch so bleiben. Alles andere wäre paradox. Echte Sessions-Biertrinker schätzen Kontinuität und mögen Craft-Bier nicht. Endlich komme ich endgültig zu Frau Niki und Herrn Max im Nax: „Wir schätzen Craft-Bier zwar, wollen aber lieber ehrliche und anständige Biere anbieten“, sind sich die zwei im tiefsten bayrischen Di- å-lekt einig.

Das Nax ist alles andere als eine urbane Craft-Bier-Location für Hipster und Stylisten. Eingerichtet ist es einfach, aber mit viel Liebe. „Wir sind a gmiadliche Bierbar, ein Wohnzimmer und Treffpunkt für die Leute von rundum“, erklärt Max das Konzept und Niki ergänzt: „Bier heißt für uns Liebe zum Bier, Hauptsache es schmeckt“. Es darf also schon mal ein Craft Bier sein, die Zwei verkaufen aber lieber das Gute, Nahe und Vertraute. Ihr habt die Wahl zwischen 40 Bieren, eher solide Helle, Märzen und Pils aus dem In- und Ausland. Außer Session-Bier-Versorger ist das Nax auch Flohmarkt, Konzerthalle und Austragungsstätte der Bier-Flopp-Meisterschaften. „Gewinner ist jener, der eine Bierflasche am lautesten öffnet.“

Wie der Herr so´s Gscherr.

„Unsere Gäste mögen gutes traditionelles Bier, so wie wir“, sagt Niki und Max beschreibt sein Publikum: „Der Wirt ist immer ein Spiegel seiner Gäste, weil sich gleich und gleich gerne gesellen.“ Ihre Sicht von gutem Bier wird in ihrer Bar freudig geteilt. Es verwundert daher nicht, dass in die gmiadliche Bierbar auch viele gmiadliche Leut kommen. So macht ein feiner Herr auch ein feines Gscherr, natürlich auch die adrette Dame.

Das bessere Bayern?

Es gibt viel mehr Biere und Brauereien dort als hier. Im Freistaat wurde seit jeher in Klöstern für die Fastenzeit gebraut, selbst alle Zutaten waren vor Ort. Hopfen wird bei uns nicht angebaut und Getreide gibt es in Tirol wenig. Mit Zillertaler und Starkenberger war´s das mit den Traditionsbrauereien. Die CraftCountry Brewery, die Wildschönauer Brauerei, das Bierol oder das Tiroler Bier in Innsbruck sind unsere Craft-Bier-Erzeuger. Fertig. Gegen die Phalanx der über 1.300 Brauereien in Bayern sind wir machtlos. Gut, dass wir zumindest das Nax haben. Mein Gesicht wird lange, die Stille am Tisch unerträglich, aber Niki hilft mir: „Ihr habt dafür die schöneren Berge und offenere Leute.“ Schon wieder die Berge? Ein alter Hut! Aber ja, die meisten Studenten sind deswegen hier. Dem „mehr offen“ traue ich sichtlich nicht, gelten wir doch als verschlossen, stur und die Bayern als Lokalpatrioten, die das niemals zugeben würden. „Doch, das stimmt schon“, beruhigt mich Max. „Ihr Innsbrucker braucht manchmal länger bis ihr auftaut, aber ihr seid schon umgänglich und gemütlich. Das ist in München nicht so.“ Bier mögen aber beide sehr gerne. Na dann Prost!

Spontan assoziiert? Niki und Max getrennt befragt:

Ihr habt die Wahl

Werk des Teufels sind kleine Biere für Sessions-Biertrinker viel mehr als jedes Craft-Bier. Es gilt als der neue Wein, präsentiert sich progressiv und erfrischend anders: als Farbtupfer in der mitteleuropäischen Bierkultur. Das Label „Craft“ verspricht Gerstensaft, der nicht ganz nach Bier schmeckt, dafür lieben ihn Weintrinker und andere Abstinenzler. Craft ist eine neue Metapher für Veränderung und Bier wurde samt seiner Trinker erwachsen. Session-Bier ist deswegen nicht schlechter, sondern gefällt uns, wie wir es gewohnt sind: anständig. Durch Craft-Bier haben wir aber erst gelernt, was uns am eigenen Bier schmeckt, ohne Bier-Sommelier zu sein. Für den zünftigen Durscht gibt’s Gott sei Dånk immer noch a gscheide Halbe und noch welche dazu. Dånke Nåx!

Das Nax

Niki Schweiger und Max Schmid

Kapuzinergasse 8

T. 0664 5996320

M. info@dasnax.com
www.facebook.com/naxinnsbruck

Fotos: Vil Joda.

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